Fachverband
Skandinavistik


Historisches

Eine umfassende Fachgeschichte der Skandinavistik im Allgemeinen und der deutschsprachigen im Speziellen gehört zu den Desiderata, die unser Fach in den nächsten Jahren anzugehen hat. Dass dem so ist, liegt dabei nicht etwa daran, dass seine Geschichte nicht lang und rühmlich erzählt werden könnte - wir könnten etwa bei Saxos Gesta Danorum (um 1200) beginnen, einem der ersten großen Werke über Geschichte und Kultur des skandinavischen Raums, das auch an ein nicht-skandinavisches Publikum gerichtet ist. Wir könnten auch ernsthafter bei einem der Gründerväter der Nationalphilologien beginnen - bei Jakob Grimm nämlich, dessen Deutsche Mythologie über weite Strecken eine nordische ist. Oder bei dem gleichzeitig in Stralsund als Übersetzer, Forscher und Herausgeber alter und neuester skandinavischer Literaturen wirkenden Gottlieb Mohnike, dessen Arbeit aus gutem Grund bereits zwei Dissertationen im Fach gewidmet sind.[1]

Als Universitätsfach ist die Skandinavistik jedoch sowohl in ihrer mediävistischen als auch neuzeitlichen Ausprägung neueren Datums. Sie erwuchs am Ende des 19. Jahrhunderts aus der Erkenntnis einiger Germanisten, dass ihr Fach schlechterdings nicht zu verstehen sei, wenn man nichts über Skandinavien weiß - sei es von Snorris Edda oder Ibsens Nora.

Insbesondere das erste Interesse führte jedoch in ein Kapitel der Fachgeschichte, das ihm nicht unbedingt zum Ruhme gereicht: es ist die Zeit des Völkischen, Deutsch- und Ariertümelnden, Nordischen und Antisemitischen - und einige Fachvertreter waren tief darin verstrickt. Dies aber ist ein Kapitel, das, wenn auch nicht hinreichend, doch schon vergleichsweise umfangreich bearbeitet wurde. Insbesondere sei hier auf die Arbeiten von Hermann Engster, Julia Zernack und Klaus von See hingewiesen.[2]

Seine eigentliche Institutionalisierung erfuhr das Fach in den 60er und 70er Jahren mit der Neuerrichtung von einer Reihe von Lehrstühlen insbesondere zur Neuskandinavistik und der damit einhergehenden Etablierung von skandinavistischen Abteilungen und Instituten. Spätestens seit der ersten Arbeitstagung der deutschsprachigen Skandinavistik 1974 [3] und der Etablierung der Zeitschrift skandinavistik ist das Fach auch informell vereint.

Seit dieser Zeit aber weht dem Fach ein Wind entgegen, der es zum Orchideenfach machen möchte, obwohl doch schon 1975 der Hochschulverband in einer Denkschrift betonte:

"Angesichts der zunehmenden Integration der skandinavischen Länder in das wirtschaftliche und politische Leben Europas wird die wissenschaftliche Beschäftigung mit den neueren nordischen Sprachen und Literaturen und mit der Kultur Nordeuropas von größter Wichtigkeit sein [...]."[4]

Die Skandinavistik ist heute ein lebendiges, ein spannendes Fach. Sie ist ein großes, wenn auch viel zu kleines Fach, dynamisch, wenn auch manchmal zu träge, stets interdisziplinär ausgerichtet, wenn sie sich auch manchmal etwas mehr um eigene Inhalte kümmern sollte. Sie lebt Europa und missachtet nationale Grenzen: der Fachverband reicht als deutschsprachige Skandinavistik von Amsterdam bis Budapest - ja sogar beinah bis nach Canberra.

Thomas Mohnike, Dezember 2003

 

Institutsgeschichten

Zur Geschichte einzelner Institute:

Basel:

Berlin:

  • https://www.ni.hu-berlin.de/de/institut/geschichte/fachgeschich_html
  • Hoffmann, Jutta: Nordische Philologie an der Berliner Universität zwischen 1810 und 1945. Wissenschaft - Diszpiplin - Fach. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang 2010 (= Berliner Beiträge zur Wissens- und Wissneschaftsgeschichte; 12; zugl. Diss.: Humboldt-Universität zu Berlin 2008), 327 S.
Bochum (ehemaliges Institut):
  • Ruhr-Universität Bochum: Die Bochumer Skandinavistik 1966-2005. Dokumentation der Geschichte des Faches an der Ruhr-Universität. Bochum: Ruhr-Universität 2005 (= Universitätsreden – Neue Serie; 18).
Bonn:
  • Uecker, Heiko: Skandinavistik in Bonn. Eine kurze Geschichte des Faches an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Bonn: Bouvier 2011 (= Alma mater - Beiträge zur Geschichte der Universität Bonn; 106), 78 S.
Freiburg: Göttingen: Greifswald: Köln: Leipzig (ehemaliges Institut):
  • Zernack, Julia: „Die Leipziger Nordistik.“ In: Günther Öhlschläger; Hans Ulrich Schmid; Ludwig Stockinger; Dirk Werle (Hg.): Leipziger Germanistik. Beiträge zur Fachgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Berlin: de Gruyter 2013, S. 141-163.
  • Kößling, Rainer: „Die Anfänge der Nordistik an der Universität Leipzig“. In: Wilhelm Heizmann; Astrid van Nahl (Hg.): Runica – Germanica – Mediaevalia. Festschrift für Klaus Düwell. Berlin: de Gruyter 2003 (=Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde; 37), S. 356-372. 
Wien:

 

 


1 Wiehe, Erika: Gottlieb Mohnike als Übersezter und Vermittler nordischer Literatur. Greifswald 1934.
Brennecke, Detlef: Tegnér in Deutschland. Eine Studie zu den Übersetzungen Amalie von Helvigs und Gottlieb Mohnikes. Heidelberg 1975

2 Engster, Hermann: Germanisten und Germanen. Germanenideologie und Theoriebildung in der deutschen Germanistik und Nordistik von den Anfängen bis 1945 in exemplarischer Darstellung. Frankfurt/M. u.a. 1986.
von See, Klaus: Deutsche Germanenideologie. Vom Humanismus bis zur Gegenwart. Frankfurt/M. 1970.
von See, Klaus: "Die Altnordistik im Dritten Reich". In: Henningsen, Bernd / Pelka Rainer (Hg.): Die Skandinavistik zwischen gestern und morgen. Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven eines 'kleinen Faches'. Schleswig 1984 [in veränderter Fassung mit Quellenangaben auch in: Jahrbuch für Internationale Germanistik 15,2, (1984), S. 8-38].
von See, Klaus: Barbar, Germane, Arier. Die Suche nach der Identität der Deutschen. Heidelberg 1994.
Zernack, Julia: Geschichten aus Thule: Íslendingasögur in Übersetzungen deutscher Germanisten. Berlin 1994

3 Einen tabellarischen Überblick über die Geschichte der AtdS gibt es unter http://www.unibas.ch/atds/historik.pdf.

4 "Fachgutachten Nordistik" in: Die kleinen Fächer. Eine vom Hochschulverband im Auftrage des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft erarbeitete Struktur- und Funktionsanalyse über die Lage an den Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn-Bad Godesberg 1975; (Forum des Hochschulverbandes; 4), Bd.2, S. 569-573, hier S. 572-3.