Fachverband
Skandinavistik


Laufende Habilitationsprojekte:


Dr. Jan Alexander van Nahl

Kontingenz und Zufall in den altisländischen Königssagas

Kontakt:
jvannahl@hi.is

Ort:
LMU München / University of Iceland

Abstract:
In jüngster Zeit ist verstärkt dafür argumentiert worden, mittelalterliche Mentalität(en) als sehr viel komplexeres Gebilde anzuerkennen als das Gros früherer Forschung es getan hat. Die Prämisse, ein unbedingter Gottesglaube habe noch im 13. Jahrhundert jeden Zweifel an einer sinnvollen Weltordnung und der menschlichen Stellung darin im Keim erstickt, ist in Frage gestellt worden. Im Zentrum meines Projekts steht die These, dass die Untersuchung von seit der Antike erörterten Unsicherheitsphänomenen, von Kontingenz und Zufall, einen wesentlichen Beitrag zu unserem Verständnis des mittelalterlichen Umgangs mit Krisen und Krisenphänomenen im Medium der Literatur leisten kann.

In der heutigen Debatte um Kontingenz und Zufall (sowie anknüpfbare Konzepte von Koinzidenz, Ambiguität und Ambivalenz), wie sie in der Philosophie, aber auch in Germanistik und Soziologie geführt wird, ist eine zweieinhalbtausendjährige Ideen- und Begriffsgeschichte wirksam, die bereits im vorangeschrittenen 12. Jahrhundert zu einem fast unüberschaubaren Spektrum an gelehrten Meinungen führte. Die europaweite Erstarkung von Literatur zu jener Zeit ist in diesem Kontext zu beleuchten. Trotz regelmäßig behaupteter intellektueller Verbindungen zwischen Nord- und Mitteleuropa ist gerade die reiche schriftliterarische Überlieferung des mittelalterlichen Islands bisher kaum beachtet worden. Dabei, so meine These, formte die Erfahrung von gesellschaftlichen und politischen Auflösungsprozessen auf Island in jener Zeit, der Sturlungenzeit, eine Gesellschaft, die für die auf dem Kontinent geführten Kontingenzdiskussionen besonders aufnahmefähig war.

Die drei altisländischen Geschichtskompendien Heimskringla, Morkinskinna und Fagrskinna aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, sechzehn Königssagas in teils mehreren Fassungen, bilden die Grundlage meines close readings vor dem Hintergrund jener theoretisch, methodisch und thematisch zu entwickelnden Unsicherheitsphänomene bzw. -konzepte.  Kontingenz und Zufall können, so meine Überzeugung, einen wichtigen Beitrag leisten, die Königssagas aus literaturanthropologischer Perspektive neu zu deuten, auch hinsichtlich der Position Islands und Skandinaviens im europäischen Diskurs- und Mentalitätsgefüge des 12. und 13. Jahrhunderts. In heutiger Zeit, in der das Konzept ‚Europa‘ vielfältig herausgefordert ist, verstehe ich diese Perspektivierung nicht zuletzt als Beitrag zu einem gesellschaftlich relevanten Profil der Mediävistik.


 

Zurück zur Übersicht.

Sind Sie an der Aufnahme ihrer Forschungsarbeit in unser Verzeichnis interessiert, kontaktieren Sie uns gerne per E-Mail.
Den Text zu Ihrer Arbeit sollten Sie an der Form der schon aufgenommen Arbeiten ausrichten.