Fachverband
Skandinavistik


Abgeschlossene Dissertationsprojekte:


Dr. Susanne Maerz

Die langen Schatten der Besatzungszeit. 'Vergangenheitsbewältigung' in Norwegen als Identitätsdiskurs

Betreuer:
Prof. Dr. Heinrich Anz

Publikation:
Die langen Schatten der Besatzungszeit. 'Vergangenheitsbewältigung' in Norwegen als Identitätsdiskurs. Berlin: Berliner Wiss.-Verl., 2008.

Kontakt:
susmaerz@gmx.de

Abstract:
Die Zeit der deutschen Besatzung in Norwegen zwischen 1940 und 1945 und ihre strafrechtliche Aufarbeitung haben einen Sonderstatus unter den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Dies hängt damit zusammen, dass die Nasjonal Samling mit ihrem „Führer“ Vidkun Quisling die einzige faschistische Partei war, die – auch wenn sie de facto Marionetten der Besatzer blieben - Regierungsverantwortung erhalten hat und deren Mitglieder anschließend strafrechtlich verfolgt und wegen Landesverrats verurteilt worden sind. Die Folge dessen ist, dass die Landesverräter aus der vorgestellten Gemeinschaft der Nation ausgegrenzt worden sind und es zum Teil heute noch werden. Damit verbunden ist die Vorstellung einer Spaltung der Nation in diejenigen, die die richtige, und diejenigen, die die falsche Seite gewählt haben. Die Vorstellung, dass die überwiegende Mehrheit der Norweger sich gegen die Besatzer gestellt hat, hat zum norwegischen Selbstbild einer Nation im Widerstand geführt. Dieser nationale Konsens, der die Ausgrenzung der „Landesverräter“ aus dem Eigenen manifestiert, ist zu einem festen Bestandteil der kollektiven norwegischen Identität geworden.
Sie wird immer dann in öffentlichen Debatten verhandelt, wenn der nationale Konsens in Frage gestellt wird. Diese Debatten von den 60er Jahren bis heute untersuche ich in meiner Doktorarbeit zum einen im Blick auf die Vergangenheitsbewältigung, zum anderen im Blick darauf, wie in ihnen Elemente der kollektiven Identität verhandelt werden und wie sich beides verändert.
Beispielhaft für die 60er Jahre steht die Debatte über die Quisling-Biografie des Briten Ralph Hewins, der Quisling zum Genie überhöht und so entschuldigt. In der Auseinandersetzung, der Klage und Gerichtsurteil folgen, wird das Bedürfnis nach einem einheitlichen Geschichtsbild deutlich. Risse erhält dieses Geschichtsbild in den 70er Jahren, als zwei Abgeordnete des norwegischen Parlaments als „Landesverräter“ enttarnt werden und der Dokumentarroman „Der Hamsun-Prozeß“ erscheint, der die Parteinahme von Knut Hamsun für die Nationalsozialisten mit seinem Alter und Genius entschuldigt. Debatten in den 80er Jahren brechen aus, wenn versucht wird, dem festen Geschichtsbild andere, bislang vernachlässigte Geschichten hinzuzufügen und diese ebenbürtig zu behandeln. Dafür stehen die Debatte über die Fernsehdokumentation über die Nasjonal Samling und der norwegische Historikerstreit, der die auf den Widerstand fokussierte Geschichtsschreibung thematisiert. Die 90er Jahre sind zum einen geprägt von revisionistischen Unternehmungen bei denen das vorherrschende Widerstandsbild verteidigt wird. Dafür steht die Diskussion über die Liquidationen, die der Widerstand ausgeführt hat. Dominiert wird das Jahrzehnt aber vom Bewusstsein der moralischen Verantwortung gegenüber verschiedenen Opfergruppen. Dies kommt bei der Debatte über die finanzielle Entschädigung der norwegischen Juden für ihr beschlagnahmtes Vermögen und der langsamen Enttabuisierung der Schicksale der Kriegskinder, der Nachfahren von deutschen Soldaten und Norwegerinnen, an dessen Ende ebenfalls eine Entschädigung steht, zum Ausdruck.

 

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