Fachverband
Skandinavistik


Abgeschlossene Dissertationsprojekte:

Mathias Kruse

Literatur als Spektakel – Hyperbolische und komische Inszenierung des Körpers in isländischen Ritter- und Abenteuersagas

Betreuer:
Prof. Dr. Klaus Böldl

Ort:
Kiel

Kontakt:
m.kruse@nord-inst.uni-kiel.de

Tag der mündlichen Prüfung:
02.05.2016

Abstract:
Das Bild der Vorzeit, wie es isländische Ritter- und Abenteuersagas zeichnen, ist geprägt von gewaltigen Schlachten und Untierkämpfen, bestritten von Helden, deren Körper riesenhaft und deren Kräfte gewaltig sind, gegen Widersacher, deren Körper grotesk überzeichnet scheinen. Auch die Auseinandersetzungen selbst, deren Verlauf im Detail beschrieben wird, erreichen (auch bedingt durch die agierenden Körper, die die von Riesen sind) ein enormes Ausmaß, wo Kämpfer sich einen Weg durch die Masse „roden“, Getötete „anhäufen“, Einzelne köpfen, aufspießen und spalten „der Länge nach bis zum Sattel“ (auch mitsamt Pferd) und Bäche von Blut sich auf das Schlachtfeld ergießen. Doch wird, was auch Sicht heutiger Leser zweifelsohne als Übertreibung erscheint, die das Maß des Glaubwürdigen überschreitet, von den Texten selbst als glaubhaft dargestellt. Die vorliegende Untersuchung, die sich über das rein deskriptive Erfassen des „Bildmaterials“ derartiger Kampf- und Schlachtenschilderungen hinaus mit der Art und Weise der Inszenierung des Körpers innerhalb der auch unter der Bezeichnung lygisögur (‚Lügengeschichten‘) bekannten Textgruppe auseinandersetzt, geht auf Basis dieses Befundes der Frage nach, wie es – im Kontrast zur „modernen“ Lesart – um die zeitgenössische Rezeption bestellt gewesen sein mag. Sie bietet den Versuch einer Rekonstruktion der Rezeptionsbedingungen im Zeitraum der Entstehung des Genres, im ‚Norwegischen Jahrhundert‘ Islands (ca. 1262-1412) vor dem Hintergrund sowohl der spezifischen historischen Randbedingungen, der Situation nach dem Ende der Sturlungenzeit und dem Verlust der Unabhängigkeit Islands, so weit sie die Produktion von Literatur im spätmittelalterlichen Island betreffen, als auch des wissenschaftlichen Diskurses im mittelalterlichen Europa, wie er die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit prägt – einer Vergangenheit, die angesichts real zu bewundernder „Riesenzähne“ und anderer Fossilien (Mammut und Saurierknochen, die als Überbleibsel aus einer Welt der Riesen galten), deren Existenz nicht nur das biblische Weltbild, sondern auch die antike Dekadenztheorie, die Vorstellung, die einst junge und kraftvolle Welt habe vormals Riesen hervorgebracht, ehe die Menschheit mit zunehmender Erschöpfung der Ressourcen auch körperlich zu schrumpfen begann, von Riesenhaftigkeit geradezu durchdrungen erscheint. Wo auch mittelalterliche Wundervölkerverzeichnisse und selbst isländische Annalen des 14. Jahrhunderts glaubhaft von Riesen (und anderen Wundervölkern) berichten, rückt auch dies die Überzeugungskraft jener Textpassagen, innerhalb derer die Erzähler der lygisögur die Glaubwürdigkeit des Gesagten verteidigen, in ein anderes Licht. Neben der Frage, welches „Texterlebnis“ die lygisaga dem Rezipienten im Island des Spätmittelalters zu bieten vermochte und in welchem Umfang die dargestellten Körper und ihre in jeder Hinsicht „gewaltigen“ Taten glaubwürdig, oder übertrieben, gar komisch erschienen, ist es somit auch die Suche nach möglichen Funktionen des Genres, zu der die Untersuchung ihren Beitrag liefert. Wo die Erzähler selbst sich wiederholt im Sinne des delectare aussprechen und Wert legen vor allem auf den Schauwert des Erzählten, wie es auch im Bereich der Kampfschilderungen das Ausblenden von Pathos und Schmerz, die Vorliebe für das Groteske und die Beschränkung auf expressive Gewalt (wie im modernen Actionkino) zu unterstützen scheinen, ist es unterhaltsame ‚Action‘, ein „Spektakel des Körpers“, das man als Hörer und Leser geboten bekommt – und doch zugleich mehr als das: Glaubhafte – oder zumindest „geglaubte“ – Schilderungen von den Wundern der Vorzeit (Riesen und gewaltige Schlachten inklusive), im Dienste der Unterhaltung.

 

Zurück zur Übersicht.

Sind Sie an der Aufnahme ihrer Forschungsarbeit in unser Verzeichnis interessiert, kontaktieren Sie uns gerne per E-Mail.
Den Text zu Ihrer Arbeit sollten Sie an der Form der schon aufgenommen Arbeiten ausrichten.