Fachverband
Skandinavistik


Abgeschlossene Dissertationsprojekte:


Dr. Annette Elisabeth Doll

Funkspuren. Der Rundfunk in der schwedischen Literatur - Ein Beitrag zur Intermedialitätsforschung

Disputatio:
12. Februar 2007 an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Kontakt:
anettedoll@yahoo.com

Publikation:
Funkspuren. Der Rundfunk in der schwedischen Literatur - Ein Beitrag zur Intermedialitätsforschung. Freiburg i.Br.: Rombach-Verlag, 2009.

Abstract:
Als der Rundfunk Anfang der 1920er Jahre nach Schweden kam, bedeutete dies einen entscheidenden Einschnitt in das Alltagsleben der Bevölkerung des dünnbesiedelten Landes. Das neue Medium schuf ein Fenster zur Welt. Es wurde zum Nachrichtenübermittler, einer Kulturinstitution und zu einer Quelle der Zerstreuung, aber auch zum Instrument der gesellschaftlichen Umgestaltung und zur Voraussetzung für eine offene und demokratische Gesellschaft. Wie jede gesellschaftliche Veränderung und technische Neuerung steht auch die Erfindung des Radios mit der Literatur in einem engen Wechselverhältnis. Das neue Medium wurde in Dramen, Erzählungen, Romanen und in der Lyrik thematisch aufgegriffen und beeinflusste seinerseits literarische Verfahrensweisen. Zugleich entstand mit dem Radio eine neue dramatische Literaturgattung, das Hörspiel, die einzige genuine Kunstform, die der Funk hervorbrachte.

Das Ziel dieses Dissertationsprojekts, das auf meiner Magisterarbeit über das skandinavische Hörspiel aufbaut, besteht nun darin, das neue Medium Rundfunk Anfang der 1920er und 1930er Jahre einerseits als Themengeber in der Literatur zu untersuchen. Andererseits soll das Zusammenspiel aus gesprochenem Wort, Ge­räusch und Musik als neue, erweiterte Dimension von Literatur in Form von Originalhörspielen näher betrachtet werden. Als Untersuchungsmaterial für den ersten Teil der Arbeit bieten sich vor allem Gustaf Hellströms Roman Storm över Tjurö, sowie Rudolf Värnlunds Drama Den heliga familjen aus den 1930er Jahren an. Aber auch spätere Texte von Stig Dagerman, Ivar LoJohansson, Lars Ahlin, Göran Tunström,Ylva Eggehorns und Ronny Ambjörnssons sollen in die Untersuchung mit einbezogen werden, um zu zeigen, wie sich die Verarbeitung des Themas „Radio“ im Laufe der Jahre veränderte. U.a. soll der Frage nachgegangen werden, ob das Radio die Literatur veränderte und wenn, in welcher Weise.

Im zweiten hörspieltheoretischen und -analytischen Teil wird sich die Frage stellen, welche zusätzliche Dimension, verglichen mit verschriftlichter Literatur, ein Hörspiel, sowohl dem Schriftsteller als auch den Zuhörern zu bieten hat. Warum schreibt ein Autor ein Hörspiel und nicht einen Roman oder eine Kurzgeschichte? Und wie muß eine Idee für ein Hörspiel beschaffen sein? Wo stößt geschriebene Literatur an ihre Grenzen und in welcher Weise versteht das Hörspiel diese Grenzen zu sprengen? Diesen Fragen sollen Originalhörspiele von Lars Norén, Lars Gustafsson, Carl-Johan Vallgren, Sisela Lindblom, Lars In de Betou, Gunilla Abrahamsson, sowie ein O-Ton Hörspiel über den Mord an Olaf Palme von Mats Lindström und ein Ljudkonst-Werk (im dt.: Neues Hörspiel) aus der Reihe „Vita Nätter“ von Sveriges Radio unterzogen werden. Um die Funktion und den Handlungscharakter von Sprache in den Hörspielen herauszuarbeiten, bieten sich H.P. Grice’s Kommunikationstheorien und die Pragmalinguistik, wie sie im deutschsprachigen Raum vor allem von K. Ehlich und J. Rehbein vertreten wird als Untersuchungstheorien an.

Da es sich bei dieser Arbeit um ein intermediales, reziprok angelegtes Projekt handelt, werden sich die beiden Teile der Dissertation immer wieder aufeinander beziehen. Während im ersten Teil herausgearbeitet wer­den wird, was die Schriftsteller der 1920er 1930er Jahre an dem neuen Medium faszinierte, z.B. die Authentizität von im Radio sprechenden Personen oder das Eindringen von Informationen aus der realen, öffentlichen Welt in das Privatleben der Menschen, soll im zweiten Teil untersucht werden, inwieweit sich die „Faszination Radio“ bis in die Hörspiele der vergangenen zwanzig Jahre hinein erhalten hat. Die Ausgangsthese wird dabei sein, daß so­wohl in der Literatur als auch in den Hörspielen immer wieder mit der Unterscheidung Realität versus Fiktion gespielt wird, so z.B. mit realen Nachrichtensendungen, die in die literarischen Texte eingebaut oder Zeitzeugen in O-Ton-Hörspielen, deren Stimmen zu literarischem Material verarbeitet werden. Ist das Medium Radio damit prädestiniert für die Vermittlung von Authentizität und Alltagsrealismus oder inszeniert es selbst Realität? Und inwiefern wird diese Authentizität in literarischen Texten und Hörspielen selbst immer wieder in Frage gestellt? Ist die Grenzziehung zwischen der Vermischung von Realität und Theater überhaupt noch möglich? Bricht das Reale in die Literatur ein wie bei Värnlund oder das Theater in die Realität wie bei Norén?

Bislang wurde in der Intermedialitätsforschung vorrangig „Visualitätsforschung“ im Bereich der Bild-Text-Bezüge betrieben. Medienwissenschaftler wie J. Paech, P.V. Zima oder K. Prümm beschäftigen sich vorwiegend mit Literatur und Film, Photographie oder Malerei und auch von Seiten der Literaturwissenschaft stand bisher lediglich das Phänomen „Text-Bild“ im Mittelpunkt. In der schwedischen Literatur finden sich so gut wie keine Anthologien zum Thema Radio, geschweige denn literaturwissenschaftliche Untersuchungen. Hörspiele nehmen sowohl in der Literaturwissenschaft generell, als auch in der Dramengeschichte im speziellen noch immer einen wenig beachteten Platz ein. Der Umfang der Forschungsliteratur zum Themenbereich „Hörspiel“ ist in Skandina­vien allgemein äußerst dürftig und ausschließlich historisch orientiert. Einschlägige Literatur zur Hörspieltheorie fehlen in Schweden sogar vollständig. Eine intensive theoretische Auseinandersetzung mit dem Hörspiel fand in der Vergangenheit eher unter Hörspiel­machern und -redakteuren als unter Literaturwissenschaftlern statt und vor allem aktuelle Arbeiten fehlen. Das Desiderat betrifft daher vor allem den intermedialen Aspekt, die Rolle der Sprache und eine Revision der Hörspielgeschichte unter medientheoretischen Gesichtspunkten.

 

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